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Newsletter des AVZ Nr. 4 - September 2017

AVZ kämpft um individuelle Fertigung von Zahnersatz im gewerblichen Labor

Ist Zahnersatz 4.0 eine Fortschrittsoption oder der Weg in die industrielle Uniformität

Der AVZ setzt sich für die Versorgung der Zahnersatzpatienten mit individuellem Zahnersatz aus gewerblichen zahntechnischen Laboratorien ein. Jedem Zahnersatzpatient muss durch Informations- und Wahlrecht die Möglichkeit gegeben werden, sich zwischen ästhetischem individuellem Zahnersatz, der sein Lächeln wieder strahlen lässt, oder uniformem Zahnersatz aus Chairside- oder Industriefertigung zu entscheiden. Die aktuell einsetzende verstärkte Industriebewerbung bei der Herstellung von Zahnersatz mit einem Chairside-Industriefrontend in der Zahnarztpraxis und in Fräszentren der Industrie gefährdet nicht nur das Know-how der hochqualifizierten Zahntechnikbranche, dadurch werden auch Fehlanreize der Abrechnung von Zahnersatz vorprogrammiert und eine Uniformität bei der Zahnersatzversorgung initiiert.

 

Neben neuen Materialien (z.B. Keramiken) prägen zunehmend auch digitale Entwurfs- und Fertigungssysteme (CAD/CAM) die Herstellung des Zahnersatzes. Auch der Gebissabdruck in der Zahnarztpraxis kann mittlerweile digital, mit Hilfe von intraoralen Scannern, anstelle des herkömmlichen Löffelabdrucks durchgeführt werden. Die Verbreitung dieser Technik ist zunehmend. Mehr denn je nimmt die Dentalindustrie die Zahnarztpraxen ins Visier und propagiert

„digitale Praxislabore“, Zahnersatz ohne Zahntechniker oder den „One-Step-Chairside-Zahnersatz“. Des Weiteren haben industrielle und freie Fräszentren auf der Basis dieser Technologien sukzessive Wertschöpfung aus dem

angestammten Geschäft der Labore mit Kronen und Brücken abgezogen. Quelle:VR Branchen Spezial 09-2017

 

In der Branche stellt man sich die Frage wo die Reise für das Zahntechniker-Handwerk hingeht.

  • Wird es in zwanzig Jahren noch die gewerblich tätigen Zahntechnikermeister geben, die individuellenästhetischen und hochwertigen Zahnersatz fertigen?
  • Wird der Zahnersatz der Zukunft komplett im Work-Flow zwischenindustriegebundener Zahnarztpraxis und Industrie gefertigt und von der Industrie geschulten zahnärztlichen Fachelferinnen eingegliedert?
  • Werden Zahnärzte, vorausgesetzt der Preisverfall bei den industriellen Vorprodukten hält in der jetzt erkennbaren Geschwindigkeit an, überhaupt noch individuellen ästhetischen und hochwertigen Zahnersatz „verkaufen“ wollen oder können?
  • Wird der „Medical Supporter“ ein komplett neues Berufsbild darstellen oder mutiert das Dentallabor zum von der Industrie ausgelagerten Veredlungs-Center des Zahnarztes?
  • Wie wird sich das Berufsbild der Zahntechniker 4.0 verändern?
  • Wird man die Geister, die man rief, das Mono MVZ noch einmal los?Gleichzeitig tauchen am Horizont Zahnärztliche Medizinische
  • Versorgungszentren (Z-MVZ)auf, die die Gewerbelabors vor weitere neue

 

Gleichzeitig tauchen am Horizont Zahnärztliche Medizinische Versorgungszentren (Z-MVZ)auf, die die Gewerbelabors vor weitere neue Herausforderungen stellen. Solche großen Praxisformen werden nämlich auch

große effiziente und flexible Laborstrukturen suchen. Quelle :VR Branchen Spezial 09.2017

 

 

Engagierte junge Zahntechniker-Meister, die ihr Handwerk gelernt haben und ein großes Know-how vorhalten, sehen die Verindustrialisierung der Zahntechnik und damit auch eines großen Teils der zahnmedizinischen Versorgungsmöglichkeiten mit sehr kritischen Augen. Die Euphorie, mit der einige Protagonisten aus der Industrie und Zahnärzteschaft geradezu freudig erregt an der Abschaffung des aus ihrer Sicht obsoleten Zahntechniker-Handwerks arbeiten, muss erstaunen. Schon heute glauben einige, dieses Know-how nicht mehr zu brauchen oder durch eine praxiseigene Maschine ersetzen zu können. War es bisher billig eingekaufter China-Zahnersatz, den man nach einer einfachen „Germanisierung“ den Patienten zu Höchstpreisen verkaufen konnte, so ist es jetzt der

Chairside oder der in Fräszentren der Industrie gefertigte „semiindustrielle Zahnersatz“. Der Focus hat sich verschoben, weg von der Kommunikation mit dem Dentallabor hin zur Kommunikation mit einer Maschine. Deren technische Probleme und Grenzen kennen Zahntechniker bestens.

 

Über Jahre und Jahrzehnte waren Zahntechniker willkommene Entwickler und Tester für die Industrie, Erfahrungen und Kenntnisse wurden aufgesaugt, um schließlich das Wissen in Soft- oder Hardware zu integrieren. Heute wird dem Zahnarzt die Maschine verkauft und dabei vorgegaukelt, diese wisse und könne alles besser und

gewinnträchtiger fertigen. Was die Maschine nicht könne, das sei auch nicht gefordert. Mit dieser rasant verlaufenden Entwicklung, die nicht nur beim Zahnersatz zu beobachten ist, geht zukünftig unweigerlich der Verlust von handwerklichzahnmedizinischem Know-how einher. Es geht aber auch die Rechtfertigung für das

immer noch verlangte Preisniveau verloren. Die Kosten stecken ab sofort in der Maschine, nicht im Menschen, der individuellen Zahnersatz für unterschiedliche Patienten fertigt. Das Einspeisen in mehr oder weniger simple Computertechnik macht den festsitzenden Zahnersatz billig, fast schon zur Ramschware. 27 Euro für eine

NEM-Krone oder 50 Euro für eine monolithische Krone unter diesen Bedingungen ist der „Verkauf“ einer „weißen“ Krone für 1000 Euro schlicht Wucher.

 

Glauben die euphorisierten Nutzer an der Patientenfront, die jetzt noch vom „Digitalen Gewinn“ träumen tatsächlich, sie könnten auf Dauer mit dem Marketingtrick billige Industrieprodukte einkaufen und teuer als handwerklich individuelle Leistung verkaufen um den Praxiserfolg zu sichern? Vom Laborerfolg wagen wir gar nicht mehr zu reden. Glauben die Protagonisten allen Ernstes, die Erfahrung und das Können der Behandler

und der Zahntechniker durch Algorithmen ersetzen zu können? Wird die Individualität des menschlichen Gebisses, dessen Wiederherstellung auf höchstem ästhetischen und funktionellen Niveau bisher stets gefordert wurde, durch konforme – um nicht zu sagen uniforme – CAD/CAM-Lösungen nach den Vorgaben und Möglichkeiten der Technik ersetzt? Sollten sich tatsächlich nur noch wenige wohlhabende und begüterte Menschen mit ausreichender Kapitalbasis die Individualität eines von den wenigen verbliebenen qualifizierten Zahntechnikern gefertigten Zahnersatzes leisten können? Zahntechniker sind überzeugt, dass die besten Rechenparameter und die ausgefeiltesten Algorithmen - zumindest noch - nicht zu perfektem, individuellem Zahnersatz führen. Die fatalen Folgen der Entwicklung wären uniformes Aussehen und Kaufhauszähne aus der Massenproduktion für alle.

 

Und was machen die industriellen Hersteller und Softwareentwickler von CAD/CAMSystemen, die jetzt aktuell ein großes Marktpotential bei kleinen Einheiten für die „Chairsidefertigung“ und bei großen Einheiten für die industrielle Lohnfertigung in eigener Regie sehen? Quo vadis wenn sie die Mitwirkung von Zahntechnikern an Vollkeramik-Kronen, Dreigliedrige Brücken und Inlays -um nicht zu sagen, an Zahnersatz- ausgeschaltet haben? Was machen sie, wenn die zugesagten Gewinnversprechungen nicht realisiert werden können, weil die Politik und der Patient das Spiel durchschauen? Die Frage, ob der digitale Work-Flow in der Prothetik für Zahntechniker noch einen Handlungsspielraum lässt, wird sich dann wohl nur noch schwer beantworten lassen. Das “merkantile“ Ziel der Zahnarzt–Industriebindung ist für jedermann offensichtlich. Die Zahnarztpraxis wird zum “Mehrwert-Verkäufer“ der Industrie, die durch Wohlfühlargumente wie „Ihre neue Krone innerhalb einer Stunde“ ihre Absätze steigert und ihre Gewinne maximiert. Die neue Frage wird lauten, ob der „Digitale Gewinn“ nicht vielmehr dem Patienten zukommen müsste, weil anderenfalls solche Gewinnphantasien allein durch Betrug realisiert werden könnten. Der Zahnarzt jedenfalls darf auch aufgrund des § 9 der GOZ nur seine tatsächlich entstandenen Kosten geltend machen. Gewinne aus den Eigenfertigungen sind daher nicht zulässig.

 

Zahnersatz darf die Praxis nur zu den Kosten abgeben, die ihr seitens der Fertiger in gewerblichen Laboratorien oder auch in Industriefertigung berechnet werden und entstehen. Das machte schon den Chinazahnersatz und seine „Germanisierung“ zur Betrugsmasche schlechthin. Es ist in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass diese Industrieprodukte durchwegkeine Kassenleistungen sind, sondern nach GOZ und BEB zu berechnende Versorgungen darstellen. Aber auch bei Nicht-Kassenleistungen sind „Gewinnoptimierungen“ nicht zulässig. Der Spruch „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ beschreibt in schöner Perversion, was zurzeit geschieht. High-Tech und Zahnersatz 4.0 verdrängen die qualifizierte Zahntechnik-Manufaktur, verdrängen zahntechnisches und zahnmedizinisches Know-how. Zahnersatz wird von Maschinen gefertigt, die irgendwo auf der Welt stehen, wo der Strom für ihren Betrieb am billigsten ist und wo die geringsten Transport- oder sonstigen Kosten entstehen. Und wenn die schlauen Maschinen die nicht so „perfekten“ Menschen ersetzt haben, wenn Zahnersatz uniform und billig geworden ist, dann wendet sich die Industrie neuen lukrativeren Feldern zu. Beispiele in anderen Medizinfeldern wie etwa der Hörgeräteindustrie sprechen Bände. Der AVZ vertritt entgegen dieser apokalyptischen Zukunftsvision die Auffassung, dass der Produktionsort für Zahnersatz allein das eingetragene, meistergeführte, gewerbliche Labor und nicht die zahnärztliche Praxis, das Praxislabor oder das Industrieunternehmen sein darf. Die im AVZ zusammengeschlossenen gewerblichen Laboratorien sind davon überzeugt, dass die Dentalindustrie und der Dentalhandel ohne den zahntechnischen Unternehmer nie die heute angebotene Qualität ihrer Produkte erreicht hätten. Aus diesem Blickwinkel betrachtet wäre die Industrie gut beraten den professionellen Zahntechnikermeister und Unternehmer auch zukünftig nicht aus dem Auge zuverlieren.

 

Unser Grundsatz im AVZ ist, dass Zahnersatz auch mit (Fräs-)Maschinen nur unter kontrollierten Bedingungen von bestens ausgebildeten Zahntechnikern mit Erfahrung im gewerblichen Labor gefertigt werden soll. Nur die konsequente Arbeitsteilung von Zahnarzt und Labor garantiert Transparenz, kontrollierte Qualität und Individualität zum Wohle der Patienten. Sie sind gelebter Verbraucherschutz.

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